die nordstory, Hamburgs rotes Erbe - Der Backstein bröckelt

Sendezeit: 15:00 - 16:00, 28.03.2023
Genre: Dokumentation
  • Untertitel für die Sendung verfügbar
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  • Redaktion: Birgit Schanzen
  • Von: Ulrich Patzwahl
D (2019) Der rote, aufeinandergeschichtete Backstein steht wie kein anderer für norddeutsche Bauweise und Architektur. Als andere Städte sich im 20. Jahrhundert vorsichtig von dem traditionellen Baustoff verabschiedeten, ging Hamburg einen eigenen Weg. Vor allem in den 1920er-Jahren entstand das rote Erbe der Freien und Hansestadt: Wohn- und Kontorhausquartiere aus Backstein. Bis heute sind sie stilbildend.
Aber so sicher und wetterfest der Backstein auch aussieht, nach 100 Jahren, in denen er Schlagregen, Frost und Hitze ausgesetzt war, verliert er seinen Glanz, verlieren die Fassaden ihre Stabilität. Der Mörtel rieselt, der Backstein bröckelt!
Die Mauern des Altonaer Reichardtblocks drohten einzustürzen. Der Eigentümer, der Altonaer Spar- und Bauverein, suchte händeringend nach neuen Wegen in der Sanierung und fand: Joachim Schreiber. Er ist einer von acht Hamburger "Backsteinberatern" und kennt jede Schwäche von Stein, Mörtel und Verarbeitung. Er weiß auch, mit welchen neuen Methoden Altes noch zu retten ist. Wenn die Maueranker aus Stahl nicht mehr helfen, vielleicht stabilisiert ein neu entwickelter Schaum den Reichardtblock?
Backsteine werden mittlerweile vielfach industriell gefertigt, die groben Steine ebenso wie dünne Riemchenverblender. Joachim Schreibers Herz hängt aber an den traditionell im Ringofen gebrannten Backsteinen. Die sind alle gleich und doch sieht jeder anders aus.
Nur mit diesen Steinen, sagt Schreiber, kann die Stadt ihr Gesicht bewahren.
Früher gab es Hunderte Ziegeleien an der Elbe, die diesen Stein hergestellt haben, inzwischen nicht mal mehr eine Handvoll. Im Klinkerwerk Rusch bei Drochtersen werden die Steine im Ringofen gebrannt, heutzutage wieder doppelt so viele wie vor Jahrzehnten. Und doch nicht genug. Denn der Backstein kommt flächendeckend in die Jahre. Es geht um Bestandssicherung.
Die Alternative zur Sanierung heißt Abriss, gerade in Hamburg. Davon weiß Kristina Sassenscheidt, Geschäftsführerin des Denkmalvereins Hamburg, ein Lied zu singen. Auch sie sucht nach neuen Wegen, um die historische Substanz und damit einen Teil der Stadtgeschichte zu bewahren. Gegen den Abriss des historischen Deutschlandhauses am Gänsemarkt war Sassenscheidt machtlos, aber die Viktoria-Kaserne, die als Soldatenunterkunft lange ausgedient hat, ist heute neue Heimat für Food Coop, Fotografen oder den Chaos-Computer-Club. Die Kaserne konnte bewahrt werden genau wie der Warmwasserblock von 1928, der inzwischen, nach Abschluss der Dreharbeiten, zu einem Vorzeigeobjekt bei der Sanierung von Hamburger Wohnungsbauten geworden.
Über den Baustoff Backstein entsteht eine neue Gemeinschaft in der Stadt, von der Denkmalschützerin über den Backsteinberater bis zum Nachwuchsarchitekten: Jan Sprengel hat sich der Sanierung von Backsteinbauten verschrieben. Mit so viel Erfolg, dass sein Büro umziehen muss: aus dem engen Dachgeschoss in einen Neubau in der Hafencity, natürlich aus Backstein! Einer für alle und alle für einen. Wenn viele mitmachen, kann er vielleicht doch gerettet werden, der Backstein in der großen Stadt. Hamburgs rotes Erbe.

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