ZDF.reportage, Partydorf Willingen - Ein Urlaubsort kämpft ums Image

Sendezeit: 18:00 - 18:30, 21.07.2019
Genre: Tourismus
  • Untertitel für die Sendung verfügbar
  • Von: Daniel Koschera, Beatrice Fürer
Deutschland (2019) Am Wochenende spielt die Musik in Willingen: Freitags fallen die Partyhorden ein. Sportvereine, Kegelclubs - rund 6000 Feierwütige reisen an, doppelt so viele, wie der Ort Einwohner hat.
Willingen liegt in schöner Berglandschaft - eine Urlaubsregion für Wanderer und Skifahrer. Aber vor allem der Partytourismus bringt Geld in den Ort: Eine Million Übernachtungen im Jahr - das Feiervolk lässt viel Bares zurück, aber auch Ärger, Lärm und Müll.
Anwohnerin Katja C. beispielsweise berichtet, dass sie neben einer vermieteten Ferienwohnung lebt, in der es oft zu Randalen von Betrunkenen kommt - sie lässt ihre Kinder am Wochenende nicht mehr gern aus dem Haus. Sie hat sich deshalb dem Bürgerforum Willingen angeschlossen. Die besorgten Anwohner stören sich vor allem an der Lärmbelästigung und dem Dreck nach den Partywochenenden, fordern mehr Sicherheit im Ort.
Denn viele kommen gezielt nach Willingen, um dort in die inzwischen kultigen Kneipen zu gehen - zum Beispiel in "Siggis Hütte" am Ettelsberg auf 838 Metern Höhe. Seit Jahrzehnten ist der inzwischen 77-jährige Siggi eine Institution in Willingen, für Partygäste - bekannt für seinen Schnaps "Feuerwasser", seine Schleudertrompete und seine selbst gemachte Erbsensuppe mit Bockwurst im Glas. Jeden Morgen öffnet Siggi seine Hütte um zehn Uhr zum Frühschoppen und schließt sie jeden Abend um 16.00 Uhr. Danach geht es für die Leute wieder ins Dorf. Was in dem Dorf nach der Schließung passiert, da hält Siggi sich lieber raus. "Wenn ich den Laden am Nachmittag schließe, dann war es das für mich für den Tag."
Neben den Partygästen besuchen aber auch viele Erholungstouristen den Ort - nicht zuletzt wegen der vielen Freizeitmöglichkeiten. Familie D. aus Dortmund fährt, gemeinsam mit Freunden, schon seit mehr als 20 Jahren jedes Jahr für ein Wochenende nach Willingen. Sie sagen: "Hier kommt jeder auf seine Kosten - wir lieben zum Beispiel die Sommerrodelahn und das Wandern. Und unser Nachwuchs geht abends feiern."
Ein Mann zwischen den Stühlen ist Willingens Bürgermeister Thomas Trachte. Er steckt mitten im Konflikt zwischen dem Wunsch nach einer friedlichen, familiären Ferienregion und dem Wirtschaftsfaktor Partytourismus. Seiner Aussage nach hat Willingen einen leistungsfähigen Tourismus. Am Wochenende aber findet dann Clubtourismus statt, was immer mal wieder zu Problemen führe - Trachte formuliert es bewusst vorsichtig: Von Sonntag bis Freitag sei Willingen ein ruhiger Ferienort." An den Freitagnachmittagen und den Samstagen sind in bestimmten Bereichen des Ortes die negativen Begleiterscheinungen des Wochenendtourismus verstärkt zu spüren", so Trachte.
Aber genau dieser Partytourismus, betont Trachte, erlaube dem kleinen 3000-Seelen-Dorf Investitionen, denn die Gemeinde profitiere durch die Gewerbesteuereinnahmen von den gut laufenden Kneipen und Discos. Andererseits versteht der Bürgermeister seine Anwohner auch und sucht nach Lösungen. So patrouilliert inzwischen eine "Dorf-Security" an vielen Wochenenden durch den Ort, sorgt für Ordnung und gibt den Bürgern ein besseres Gefühl.

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