die nordstory Spezial, Stadt. Land. Fluss. - BERGEDORF

Sendezeit: 20:15 - 21:45, 14.08.2022
Genre: Land und Leute
  • Untertitel für die Sendung verfügbar
  • Redaktion: Birgit Schanzen
  • Von: Jan Peter Gehrckens
D (2021) Beim Hamburger Stadtteil Bergedorf, da schwingt alle Sehnsucht des flachen Nordens nach Höhenflügen, Gipfeln und Hängen mit. Doch von Bergen keine Spur, 43 Meter Höhenlage bietet der Doktorberg und ist eher Anhöhe als alpine Erhebung. Dorf trifft nach Auffassung der Bergedorfer schon gar nicht zu. Wer hier sagt, er gehe in die Stadt, begibt sich ins Zentrum von Bergedorf, dem südöstlichen Bezirk von Hamburg, und nicht in Hamburgs City. Auch die Vier- und Marschlande mit Gemüse- und Blumenanbau prägen seit jeher Bergedorf. Mit der Sternwarte ist Bergedorf prominent auf der Weltkarte der Forschung vertreten. Das Gelände von 1906 soll zum UNESCO-Weltkulturerbe werden. Mit seinen Kugelbauten für Teleskope wirkt es wie die Kulisse zu einem frühen Science-Fiction-Film.
Dass Bergedorf im republikanischen Hamburg ein veritables Schloss aufweist, ist bemerkenswert und oft genug Besuchsgrund. Jetzt soll das Backsteingemäuer an der Bille mitten in Bergedorf ein neues Restaurant bekommen: Gastwirt Andreas Kilonzo und Koch Philipp Stiller haben die Konzession bekommen und wollen trotz aller Widrigkeiten hier ihren gastronomischen Traum verwirklichen. Auf dem Höhepunkt der Coronapandemie haben sie in 300 Meter Luftlinie schon ein Café in einem ehemaligen Kiosk am Serrahn, dem Hafen Bergedorfs, übernommen und erfolgreich zum kleinen, aber feinen Treffpunkt für Feinschmecker verwandelt.
Ehemals war der Serrahn lebendiger Umschlagsplatz für Holz, Früchte und Gemüse, Waren, die über den Schleusengraben nach Hamburg verschifft wurden. Später für die Erzeugnisse der industriellen Betriebe, die sich in Bergedorf angesiedelt hatten. Ein historischer Ladekran erinnert an den regen Frachtverkehr von damals. Heute ist der Serrahn Startpunkt für touristische Fahrten der Bergedorfer Schifffahrtslinie und der Alstertouristik in die Vier- und Marschlande. Entlang der Deiche geht es durch die idyllische Landschaft, den Blumen- und Gemüsegarten Hamburgs. Peter Meyer betreibt hier seinen Gemüseanbau, sein Land wurde von der 1978 gebauten Marschenautobahn durchschnitten. Nach etlichen Generationen wird er wohl der Letzte sein, der hier vom Anbau lebt und den Wochenmarkt in Bergedorf versorgt. Dort hat er seine Lebensgefährtin Nicole gefunden: die Möhren waren alle und er lieferte sie ihr prompt nach Hause. Es funkte gewaltig. Sportlich lag Bergedorf einst weit vorn, sozialistische Arbeiter gründeten hier den Freien Wassersport Verein Vorwärts, der heute noch besteht. Im Fußball war das Billtalstadion ein wesentlicher Ort: 1952 kickte hier die indische Nationalmannschaft barfuß und freundschaftlich gegen den HSV. Und Fußballlegende Uwe Seeler erinnert sich an die Begegnung mit Bergedorf 85 vor über 25.000 Zuschauern im Jahr 1958. Zeitzeuge des "Schicksalsspiels" der Bergedorfer Mannschaft gegen den FC Bayern München im Pokal, in dem die Bergedorfer Elstern bis zur 89. Minute führten und dann doch noch hoch verloren haben, ist Künstler, Schlagzeuger und Clubbetreiber Joern Moeller. Er kann sich heute noch ereifern über den umstrittenen Untergang der Underdogs in den Schwarz-Weißen Trikots. In einer ehemaligen Fabrik veranstaltet er Jazz- und Theaterevents von internationalem Zuschnitt, gleich gegenüber den Hauni-Werken des großen Bergedorfer Entrepreneurs und Förderers Kurt Körber.
Geschichten aus einem lebendigen Stadtteil zwischen Villeneleganz und Bausünden, zwischen Tradition, Neuerung und Wachstum. Mit Oberbillwerder soll im Bezirk Bergedorf das nach der Hafencity zweitgrößte Stadtentwicklungsprojekt Hamburgs entstehen. Auf 124 Hektar sind bis zu 7000 Wohnungen und 5000 Arbeitsplätze geplant, gefürchtet und ersehnt zugleich. Bergedorf mit Stadt, Land und Fluss.

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